Selten wurde eine Entscheidung der Schweizer Nationalbank so intensiv diskutiert wie Anfang des Jahres, als der Mindestkurs des Frankens gegenüber dem Euro überraschend aufgegeben wurde. Die Folgen schienen zunächst dramatisch: Der Franken hat binnen kurzer Zeit eine starke Aufwertung erfahren, so dass er bald mehr wert war als der Euro. Vor diesem Hintergrund warnten viele Beobachter vor einem starken Franken, der weite Teile der Schweizer Wirtschaft an die Grenze ihrer Belastbarkeit treiben würde. Mittlerweile sind ein paar Wochen vergangen, die Lage hat sich etwas beruhigt. Wir wollten nun wissen: Welche Auswirkungen hatte die Aufhebung des Mindestkurses auf die betroffenen Unternehmen und deren Mitarbeiter bisher? Wie nimmt die Bevölkerung die Situation wahr? Welche Massnahmen befürwortet sie und was sind ihre Erwartungen an die Politik?

Diesen und anderen Fragen sind wir im Rahmen einer für die deutsch- und französischsprachige Schweiz repräsentativen Online-Befragung nachgegangen. Hierfür haben wir knapp 3‘000 Schweizerinnen und Schweizer befragt. Um zu untersuchen, welche Schritte die Schweizer Wirtschaft bisher unternommen hat, haben wir auch 280 Vertreter des mittleren und oberen Kaders exportorientierter Unternehmen befragt. Insbesondere diese Gruppe haben wir genauer unter die Lupe genommen.

Was passiert in den betroffenen Unternehmen?

In den Medien wurde viel über Kurzarbeit, Entlassungen und Lohnkürzungen diskutiert.
Und tatsächlich: 47% der befragten Kader exportorientierter Unternehmen gaben an, dass ihr Unternehmen bereits erste Massnahmen eingeleitet hat bzw. einleiten wird. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen aber lediglich um die Anpassung der Umsatzerwartungen an die neuen finanzpolitischen Realitäten. Dennoch bezieht sich ein grosser Teil der Massnahmen auch unmittelbar auf die Personalpolitik. So hat jedes vierte exportorientierte Unternehmen vor, Stellen abzubauen, also Mitarbeiter zu entlassen. Zudem gaben 39% der befragten Entscheider an, dass von Unternehmensseite derzeit auf Neueinstellungen verzichtet wird. Zur Kurzarbeit greifen laut Befragung aber nur sehr wenige Unternehmen (n = 4). An dieser Stelle haben sich die anfänglichen Befürchtungen nicht bewahrheitet.

Zoom: Geplante oder bereits eingeleitete Massnahmen

Welche Sorgen hat die Schweizer Bevölkerung?

Blickt man auf die Einstellung der Schweizerinnen und Schweizer, muss man zwischen betroffenen und (noch) nicht-betroffenen Arbeitnehmern unterscheiden: Vor allem Mitarbeiter, die für exportorientierte Unternehmen arbeiten, machen sich grosse Sorgen. Von ihnen befürchten 38% mittelfristig mehr arbeiten zu müssen, 36% haben Angst, Lohneinbussen in Kauf nehmen zu müssen. Um den eigenen Arbeitsplatz fürchtet immerhin noch jeder Vierte. Arbeitnehmer, deren Unternehmen weniger exportorientiert und deshalb vermutlich weniger von der Frankenstärke betroffen sind, sorgen sich deutlich weniger um Lohneinbussen, Mehrarbeit und Jobverlust.

Zoom: Befürchtungen der Schweizer Bevölkerung

Insgesamt zeigen sich lediglich 13% aller Befragten äusserst besorgt um die Schweizer Wirtschaft. Die Mehrheit (59%) schaut der Zukunft vergleichsweise entspannt entgegen.

Was soll die Schweizer Politik unternehmen?

Spannend war die Frage, ob Kader, aber auch die Gesamtbevölkerung bestimmte Erwartungen an die Schweizer Politik haben, um die Lage zu „entschärfen“. Wir haben vermutet, dass die in den Medien diskutierten Lösungsansätze auf grosse Zustimmung treffen werden. Doch unsere Ergebnisse zeigen ein anderes Bild:

Zoom: Erwartungen an die Politik

Auffällig ist, dass der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte im Fokus der aktuellen Debatte um den starken Franken steht. So möchten 30% der Befragten die Anzahl ausländischer Arbeitskräfte begrenzen. Doch nur 23% der Kader der exportorientierten Unternehmen sprechen sich für diesen Schritt aus. Dieses (statistisch signifikante) Spannungsfeld zwischen der Gesamtbevölkerung und den Entscheidern deutet darauf hin, dass die Gesamtbevölkerung den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte begrenzen möchte, die Entscheider in den exportorientierten Unternehmen jedoch auf die ausländischen Arbeitskräfte angewiesen sind. Ferner lassen die Ergebnisse den Schluss zu, dass sich die allgemeinen Debatten um Zuzugsbeschränkungen und Swissness auf die Wahrnehmung der aktuellen wechselkurspolitischen Herausforderungen auszuwirken. Und das, obwohl sie inhaltlich nur sehr begrenzt in Beziehung stehen.  

Methodensteckbrief

Zoom: Methodensteckbrief