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Methodenstudie zu sensitiven Fragen
Methoden, Studien

Methodenstudie zu sensitiven Fragen

Dino Demarchi

Die Antwortbereitschaft bei heiklen Fragen erhöhen

Wie viel man verdient, wie viele Sexualpartner:innen man schon hatte oder ob man Drogen konsumiert, sind Fragen, die viele Leute nicht gerne beantworten. Solche sensitiven Fragen führen im Rahmen von Befragungen daher häufig zu einem hohen Anteil an Antwortverweigerungen oder zu Falschangaben. Dies beeinflusst die Validität der Daten. intervista hat untersucht, wie die Antwortbereitschaft durch den gezielten Einsatz von Kommunikation gesteigert werden kann und welche Faktoren ausschlaggebend dafür sind, dass man bei sensitiven Fragen die richtigen Antworten erhält.

Welche Faktoren beeinflussen die Antwortbereitschaft bei sensitiven Fragen?

Die Gründe für Antwortverweigerungen bei sensitiven Fragen (sogenannter «Item-Non-Response») können gemäss Tourangeau et al. (2000) in drei Kategorien eingeteilt werden:

  • Die Teilnehmenden fühlen sich in ihrer Privatsphäre verletzt.
  • Die Teilnehmenden befürchten, dass ihre Informationen an Dritte weitergegeben werden.
  • Die Teilnehmenden haben Angst, eine sozial unerwünschte Verhaltensweise preiszugeben.

Eine Antwortverweigerung auf die Frage nach der allwöchentlichen sportlichen Aktivität ist in diesem Sinne am ehesten auf soziale Erwünschtheit zurückzuführen: Wer dreimal in der Woche Sport treibt, gibt natürlich gerne Auskunft darüber. Zuzugeben, dass man sich im Verlaufe einer Woche kein einziges Mal dazu überwinden kann, fällt den meisten jedoch schwer.

Mit der Frage nach der Vermögenslage der befragten Person läuft man zusätzlich Gefahr, ihre Privatsphäre zu verletzen. Die häufigsten Antwortverweigerungen resultieren aus Fragen dieser Kategorie. Neben sozialer Erwünschtheit ist hier vermehrt auch die Sorge über die (fehlende) Geheimhaltung der Angaben massgeblich für die Verweigerung der Antwort.

Es stellt sich also die Frage, wie man heikle Themen so erfragt, dass möglichst viele Teilnehmende antworten – idealerweise auch wahrheitsgetreu. intervista ist dieser Frage nachgegangen und stellt hier mögliche erfolgsversprechende Ansätze vor.

Wie kann die Item-Non-Response-Rate gesenkt werden?

Eine Möglichkeit, mit sensitiven Fragen umzugehen, ist das indirekte Fragen, beispielsweise mit der «Item Count Technique». Dabei geben die Befragten für eine Liste mit Aussagen jeweils an, wie viele Aussagen zutreffend sind. Hierfür wird die Stichprobe zweigeteilt: Eine Hälfte der Stichprobe erhält eine Liste mit unproblematischen Aussagen, die andere Hälfte der Stichprobe dieselbe Liste mit einer zusätzlichen sensitiven Aussage. Anschliessend werden die Mittelwerte der Anzahl an Aussagen, welche die Befragten als auf sie persönlich zutreffend bewerten, zwischen den beiden Gruppen verglichen. Anhand der Mittelwertsunterschiede kann so die Prävalenz des sensitiven Verhaltens geschätzt werden. Das Problem von solchen indirekten Techniken ist jedoch, dass die Ergebnisse nur auf aggregiertem Niveau vorliegen – eine Zuordnung zum Individuum ist nicht möglich.

Es ist daher zielführender, den interessierenden Sachverhalt direkt zu erfragen. Will man den Item-Non-Response möglichst geringhalten, spielt die Formulierung der Frage eine grosse Rolle: Werden die Befragten darauf hingewiesen, dass die Daten nur in anonymisierter Form weiterverarbeitet werden, so kann das die Antwortraten erhöhen. Dieser Effekt wurde für sensitive Fragen nachgewiesen (Singer et al. 1995), es zeigen sich aber keine robusten Ergebnisse über mehrere Studien. Im Rahmen eines Methodentests hat intervista daher untersucht, ob die zahlreichen Empfehlungen, die Anonymität bei heiklen Fragen zu garantieren, ihre Berechtigung haben und wie genau mit den Befragten kommuniziert werden muss, um valide Antworten zu erhalten.

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Unsere Ergebnisse

Im Zentrum der Untersuchung stand die heikle Frage nach dem frei verfügbaren Vermögen. Diese wurde drei Gruppen von Befragten in drei verschiedenen Varianten gestellt.

Die Antwortverweigerungsrate konnte durch die zusätzliche Zusicherung der Anonymität und die Erinnerung an die Wissenschaftlichkeit der Studie deutlich (und signifikant) gesenkt werden.

Im gleichen Stil wurde nach der Parteipräferenz der Teilnehmenden gefragt, wiederum aufgeteilt in drei Bedingungen mit denselben Informationsabstufungen. Die Unterschiede zwischen den drei Bedingungen wurden hierbei nicht signifikant. Dies dürfte daran liegen, dass die Parteipräferenz ein zu wenig sensitives Thema ist: Wenn schon in der ersten Variante (ohne zusätzlichen Hinweis auf Anonymität und/oder Wissenschaftlichkeit der Studie) fast alle Befragten – im vorliegenden Fall waren es 97% – eine Antwort geben, können sich unter den weiteren Bedingungen keine grossen Effekte mehr zeigen.

In einem anderen Test konnte die Bereitschaft, den Namen des Arbeitgebers zu nennen, nachdem man heikle Fragen zum Arbeitsplatz beantwortet hatte, von 44% in der ersten Bedingung (keine zusätzlichen Hinweise) auf 62% in der dritten Bedingung (Hinweis auf Anonymität und Wichtigkeit der Antwort sowie Erwähnung des Auftraggebers der Studie) gesteigert werden.

Variante 1

  • Frage; Wie viel beträgt das frei verfügbare Gesamtvermögen in Ihrem Haushalt?
  • Item-Non-Response: 20%

 

Variante 2

  • Frage; Wie viel beträgt das frei verfügbare Gesamtvermögen in Ihrem Haushalt? Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Ihre Angaben anonym ausgewertet werden und keine Rückschlüsse auf Ihre Person möglich sind.
  • Item-Non-Response: 18%

 

Variante 3

  • Frage Wie viel beträgt das frei verfügbare Gesamtvermögen in Ihrem Haushalt? Im Rahmen eines Projekts für wissenschaftliche Zwecke möchten wir die Vermögensverteilung in der Bevölkerung abschätzen. Uns ist bewusst, dass es sich bei diesem Thema um eine sehr private Angabe handelt. Ihre Angaben sind jedoch sehr wichtig. Daher bitten wir Sie, diese Frage wahrheitsgetreu zu beantworten. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Ihre Angaben anonym ausgewertet werden und keine Rückschlüsse auf Ihre Person möglich sind.
  • Item-Non-Response: 12%

Unser Fazit: Mit den Befragten kommunizieren ist wichtig!

Menschen schätzen es in der Regel, wenn sie Hintergrundinformationen und Begründungen erhalten. Dies widerspiegelt sich in unseren Ergebnissen: Wird noch einmal das betont, was den Befragten eigentlich sowieso klar sein sollte – nämlich dass die Ergebnisse nur in anonymisierter Form verwendet werden –, so steigert dies bei wirklich heiklen Fragen die Bereitschaft zu antworten. Weitere Informationen, z.B. zum wissenschaftlichen Zweck der Studie oder zum Auftraggeber, können die Probanden zusätzlich motivieren, auch zu heiklen Themen Auskunft zu geben.

Dies bestärkt uns in unserer Strategie, in Befragungen fair und transparent zu kommunizieren und gerade bei heiklen Fragen zusätzliche Hinweise einzubinden, um das Bedürfnis der Befragten nach weiterführenden Informationen zu berücksichtigen.

Beat Fischer
Beat Fischer
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